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Sino-Tibetischer Dialog

Presse

„Mehr Druck auf China ausüben“

Januar 2008

Interview mit Kelsang Gyaltsen von Birgit Stratmann

Die tibetische Regierung im Exil versucht unermüdlich, das Tibetproblem durch Dialog zu lösen, Kelsang Gyaltsen, Repräsentant S.H. des Dalai Lama in Genf, spricht im folgenden Interview über seine Tibetreise im Jahr 2002, über die Bemühungen um einen Dialog mit Peking und den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit.

Kelsang Gyaltsen, 1952 in Tibet geboren, flüchtete 1959 ins Exil. 1963 kam er in die Schweiz, wo er zur Schule ging und eine kaufmännische Lehre machte. 1985 ernannte ihn der Dalai Lama zu seinem Repräsentanten in Genf, 1992 wurde er Sekretär im Privatbüro des Dalai Lama im indischen Dharamsala. 1999 kehrte Kelsang Gyaltsen nach Europa zurück, wo er heute wieder die Position des Repräsentanten in Genf innehat. 2002 berief ihn der Dalai Lama zusammen mit Lodi Gyari zum Sondergesandten. Seitdem war er an sechs Gesprächen mit chinesischen Regierungsvertretern beteiligt.

Frage: Sie sind in Tibet geboren und flüchteten als Junge im Alter von sieben Jahren nach Indien. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Tibet?

Antwort: An Tibet selbst habe ich kaum zusammenhängende Erinnerungen. Besonders im Gedächtnis ist mir die Flucht aus Tibet, die ein Jahr und vier Monate dauerte. Meine Familie lebte in Bathang, Osttibet, wo es 1956 die ersten Kämpfe mit chinesischen Truppen gab. Mein Vater und Großvater waren in der Widerstandsbewegung gegen die chinesische Besatzung aktiv. An einem Tag sind in einem nahe gelegenen Dorf 40 Männer und 200 chinesische Soldaten umgekommen. Danach zogen sich die Truppen zurück.
Aber nach etwa einem Jahr kamen die Chinesen mit tausenden Soldaten in die Region zurück. Irgendwann wurde die Situation so brenzlig, dass wir fliehen mussten, ich war zu dem Zeitpunkt sieben Jahre alt. Wir gingen zunächst über einen Fluss, um uns in Sicherheit zu bringen. Wurden wir verfolgt, zogen wir weiter. Wenn es ruhig war, blieben wir – immer in der Hoffnung, bald in unser Heimatdorf zurückkehren zu können. Als wir hörten, dass auch Lhasa gefallen war, machten wir uns direkt auf den Weg Richtung Indien.

Frage: Sie bereisten im Zuge der Gespräche mit der chinesischen Führung in jüngerer Zeit auch Tibet. Wie war es für Sie, nach all den Jahren Ihre Heimat zu sehen?

Antwort: Die Reise nach Lhasa 2002 war eine große Enttäuschung. Ich hatte vorher immer gedacht, es wäre der Höhepunkt meines Lebens, wenn ich eines Tages nach Tibet zurückkehren könnte. Aber natürlich waren die Umstände 2002 ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, denn ich war in offizieller Mission unterwegs. Ich traf nur Funktionäre, Beamte, Sicherheitsleute, aber keine normalen Tibeter. Ich hatte nicht das Gefühl, wirklich in Tibet zu sein.
Ein sehr bewegender Moment war mein Besuch im Jokhang [dem Haupttempel in Lhasa]. Als ich im Tempel stand, dachte ich an die vielen Generationen von Tibetern, die diesen heiligen Ort aufgesucht hatten, um Inspiration zu erfahren und zu beten. Ich war plötzlich tief traurig, und mir wurde die schwierige Situation, in der sich die Tibeter befinden, bewusst.
Der Mönchsführer, der uns zur Seite gestellt wurde, wirkte eingeschüchtert und schien sich sehr unwohl zu fühlen. Wir waren umgeben von 20 bis 30 „offiziellen“ Tibetern, die sich an diesem heiligsten Ort Tibets überhaupt nicht respektvoll benahmen. Die ganze Situation war so verquer – hier im Jokhang, wo das Herz Tibets schlägt. Als ich mit meinem Kopf die Statuen berührte, dachte ich an die vielen Tibeter vor mir, die diese Geste vollzogen hatten. Und mir wurde schmerzlich bewusst, dass meine Generation vielleicht die letzte ist, die hier im Jokhang dem Buddha-Dharma Respekt erweist.

Frage: Waren Sie auch wütend?

Antwort: In jüngeren Jahren wäre ich wütend geworden. Aber jetzt war ich als Diplomat hier und hatte eine Mission zu erfüllen. Der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung schickten mich ja nicht, damit ich Wut gegenüber den Chinesen auslebe, sondern um einen Kontakt herzustellen und die Basis für ein freundschaftliches Verhältnis zu schaffen. Dieser großen Verantwortung war ich mir stets bewusst.

Keine Lösung durch Konfrontation

Frage: Der Dalai Lama ernannte Sie 2002 zusammen mit Lodi Gyari zu den Chef-Diplomaten. Mittlerweile fanden sechs Gesprächsrunden statt. Welche Bilanz ziehen Sie?

Antwort: Ich bin fest davon überzeugt, dass es richtig ist, den Kontakt zur chinesischen Regierung zu suchen. Die einzige Möglichkeit, das Tibetproblem zu lösen, ist eine einvernehmliche Lösung. Und das geht nur über Gespräche. Man kann das Tibetproblem nicht durch Konfrontation lösen oder indem man den Kontakt abbricht.
Auf der anderen Seite ist offensichtlich, dass es trotz der sechs Gesprächsrunden keine nennenswerten positiven Veränderungen gibt, sei es hinsichtlich der Situation in Tibet oder in Bezug auf eine Annäherung der Standpunkte der beiden Regierungen. Dennoch hatten die Gespräche zumindest eine positive Wirkung: Sie haben Klarheit gebracht. Peking kennt heute genau die tibetischen Vorschläge, und wir Tibeter wissen im Detail, welche Bedenken die chinesische Führung hat und wo die politischen Knackpunkte liegen. Das ist eine Basis für Verhandlungen. Wir können jetzt die Meinungsverschiedenheiten anpacken und nach Lösungen suchen.

Frage: Will Peking das Tibetproblem wirklich lösen? Die Strategie scheint darin zu bestehen, in Tibet über die Jahre und Jahrzehnte Fakten zu schaffen (durch Ansiedlung von Chinesen, Eisenbahnbau, Eingriffe in das Wirtschafts- und Sozialsystem) und dann die Zeit für sich arbeiten zu lassen.

Antwort: Das ist die große Frage, und wir Tibeter stellen uns diese Frage auch. Manchmal kommt es mir so vor, dass auch die chinesische Regierung darauf keine Antwort hat. Wir reden immer von „der chinesischen Regierung“, aber auch hier gibt es Meinungsverschiedenheiten darüber, wie mit dem Tibetproblem umzugehen ist.
Eine Richtung innerhalb des chinesischen Machtapparats sagt: Es gibt kein Tibetproblem, wir haben alles unter Kontrolle, und es besteht kein Handlungsbedarf. Eine andere Richtung ist für Verhandlungen, denn sie denkt: Es gibt Schwierigkeiten in Tibet, und diese können am besten zu Lebzeiten des Dalai Lama durch Verhandlungen gelöst werden.
Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die chinesische Regierung das Tibetproblem wirklich anpackt: Das Problem muss so dringlich und akut erscheinen, dass Peking gezwungen ist, sich dieses Problems anzunehmen. Darüber hinaus muss es innerhalb der Führung eine Mehrheit für den Politikwechsel geben.

Frage: Hier kommt der internationale Druck ins Spiel...

Antwort: Ja, genau. Peking ist im Moment nicht wirklich in Zugzwang. Die internationale Gemeinschaft könnte Druck auf die Regierung ausüben. Es muss Nachteile für China auf der internationalen Bühne haben, wenn es das Tibetproblem nicht löst und weiterhin die Rechte des tibetischen Volkes missachtet und seine Kultur unterdrückt. Wenn China nichts zu befürchten hat, egal, wie es sich verhält, fehlt ein wichtiger Impuls zu handeln.

Frage: Sind Sie manchmal frustriert, dass in den letzten Jahren so wenig für Tibet erreicht wurde?

Antwort: Ich bin frustriert und manchmal auch wütend, wenn ich sehe, wie gewisse Regierungen aufgrund von Wirtschaftsbeziehungen in ihrem Verhältnis gegenüber China jegliche moralischen Prinzipien und Werte über Bord werfen. Aber wenn ich das Tibetproblem nüchtern und realistisch betrachte, sehe ich auch: Noch vor 50 bis 60 Jahren wusste niemand etwas über Tibet, es hätte ein fiktives Land sein können, wir waren über Jahrhunderte komplett isoliert. Heute ist das anders: Jeder kennt Tibet, und das Tibetproblem ist in der öffentlichen Meinung präsent.
Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass wir ein sehr kleines Volk sind: sechs Millionen Menschen in Tibet und noch einmal 150.000 im Exil. Als wir 1959 ins Exil kamen, sind wir mit einem Schlag ins 20. Jahrhundert katapultiert worden. Auf der anderen Seite haben wir China: das bevölkerungsreichste Land der Erde, eine totalitäre Diktatur mit der größten Armee der Welt.
Die chinesische Regierung versucht seit mehr als 50 Jahren zu erreichen, dass Tibet von der Bildfläche verschwindet und niemand mehr über Tibet redet. Als 1949/50 chinesische Truppen in Tibet einmarschierten, haben sie nicht mit Widerstand gerechnet. Nach der Flucht des Dalai Lama 1959 dachten Mao und seine Kader, dass sich alles in 10 bis 15 Jahren erledigt hätte. Aber das Tibetproblem ist heute lebendiger als je zuvor.
Das hätten wir nicht erreicht ohne die Hilfe von Menschen in der ganzen Welt, die sich für die Freiheit und Menschenrechte eingesetzt und sich mit den Tibetern solidarisiert haben. Auch der ungebrochene Widerstandsgeist der Tibeter spielt eine Rolle. Vor allem aber sind es die Unterstützer weltweit, die uns über all die Jahre Rückenwind gaben. Auf Regierungsebene mag die Unterstützung geringer sein, als wir es uns wünschen, aber es sind die vielen Menschen, Organisationen und Institutionen, welche die Tibetfrage am Leben erhalten, so dass sie in der internationalen Politik eine Rolle spielt.
Das kleine tibetische Volk wehrt sich gegen die mächtigste Diktatur der Erde und erfährt dabei Unterstützung und Solidarität aus aller Welt. Ich selbst schöpfe daraus viel Kraft und Hoffnung. Wer sich gegen die Tyrannei wehrt, erhebt damit auch seine Stimme für die Freiheit und Menschenwürde aller Menschen. Jeder Sieg gegen Unterdrückung gibt der Freiheit mehr Raum. Vor diesem Hintergrund sehe ich unseren Kampf auch als einen Kampf gegen eine mächtige Diktatur, einen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. So bin ich eher stolz darauf, dass auch ich ein Teil dieser Bewegung bin.

Frage: Wie ist es für Sie selbst: Fühlen Sie sich mehr als Tibeter oder mehr als Europäer?

Antwort: Ich würde mich als einen modernen Tibeter betrachten. Meine Wertvorstellungen, mein Denken, meine Ideen von Leben sind tibetisch-buddhistisch geprägt.
In politischen, sozialen und gesellschaftlichen Fragen unterscheide ich mich stark von den normalen Tibetern in Indien oder Tibet. Das betrifft das Demokratieverständnis, individuelle Freiheiten und Rechte, Meinungs- und Pressefreiheit. Die tibetische Gesellschaft in Tibet und Indien ist sehr konservativ, obwohl Seine Heiligkeit der Dalai Lama mit großer Anstrengung versucht, sie zu modernisieren und die Demokratisierung im Exil voranzutreiben. Unsere Exilregierung ist viel liberaler, demokratischer und moderner als die übrige Gesellschaft. Ein tiefgreifender Wandel braucht Zeit.
Ich habe eine tibetische Identität, trotzdem weiß ich, dass die meisten Tibeter nicht so denken wie ich. Im Übrigen begegne ich den Tibetern im Exil vor allem auf offizieller Ebene im Rahmen meiner Arbeit. Die wenige private Zeit, die ich bei meinem Arbeitspensum habe, verbringe ich mit meiner Familie in der Schweiz. Die Frage, ob die Exiltibeter ihre Identität und Kultur bewahren können, halte ich nicht für relevant. Denn es geht um Tibet und die sechs Millionen Tibeter. Für ihre Rechte kämpfen wir.

Quelle: Tibet und Buddhismus, Heft 84, 1/2008, www.tibet.de

 

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